Dass sich alle Welt plötzlich am Herrenschal aufreibt! Das eigentliche No-Go ist doch das taillierte Herrenhemd. Auf dieses unschicke Kleidungsstück hat Joachim Löw erstmals mein Augenmerk gelenkt. Und überhaupt, was heißt hier Schal? Fein gestrickt bzw. gewebt gehören manche der von Löw getragenen Textils genau genommen zur Schalunterkategorie Halstuch. Das klingt dandyesker, was, schon klar, den Tatbestand nicht mindert. Doch warum verfolgen immer mehr, so scheint mir, diese Stilunsicherheit mit Spott und Hohn? Neulich, da sah ich Jan-Josef Liefers abgelichtet mit dunklem Halstuch, vor wenigen Tagen saß Ex-Yellow Dieter Meier fett mit Halstuch auf dem literarischen Blauen Sofa. Darüber las ich bisher noch keine Beschwerden.
Das sind Künstler, die dürfen das? Bleiben wir beim Fußball. Was ist etwa von eitlen Polokragenhochstellern wie Petric oder Arnautovic zu halten? Oder vom gemeinen Fanschalträger? Der Schal als Accessoire stand meines Wissens nach in dem Zusammenhang nie zur Debatte.
Genau betrachtet will man einzig und allen Löw an den warmgehaltenen Kragen. Ob in Sportteilen oder Fußballblogs, in Twitter Timelines oder Kommentaren: Die Stimmung scheint gegen ihn zu kippen. Ruckzuck wird aus Bodenständigkeit Kleingeistigkeit. Badische Wurzeln, Heimatverbundenheit und die Pflege alter Freundschaften interpretiert man als provinziell. Natürlich lässt sich trefflich darüber streiten, wie und ob sich Löw Ballack gegenüber korrekt verhielt, oder im Falle der Enthronisierung des anderen Leitwolfs Frings. Allein, wir werden nie erfahren, wer wem wann und in welcher Reihenfolge angerufen und eine Absage erteilt hat.
In einem Blogbeitrag, zu dem ich hier bewusst nicht verlinke, gipfelt das Löw-Bashing in dermaßen ausfälligen, bösartigen Beleidigungen, das es kaum auszuhalten ist. Obwohl der Beitrag in seinem offen zur Schau getragenen Löw-Hass eine Ausnahme darstellt, bestärkte er mich doch in dem Gefühl, dass viele schon mit den Hufen scharren und nur auf die Gelegenheit warten, bei nächster Gelegenheit über Löw herzufallen. Sein äußeres Erscheinungsbild, sein Schwäbeln, das sind die Aufhänger. Vielmehr geht es darum, einen über einen langen Zeitraum Erfolgreichen, in Interviews stets Souveränen endlich schwach, endlich einmal stolpern zu sehen. Dabei können wir uns nach jahrelanger Fußballödnis endlich wieder auf die Spiele unseres Nationalteams freuen. Das ist doch wunderbar! Und das ist in jedem Falle ein Verdienst von Joachim Löw.